…da stand ich nun, in einer langen Autoschlange auf einer Rechtsabbiegerspur einer unscheinbaren Straße in Fürstenau im Emsland, umringt von Kiefern – flaches, sandiges Land. Der Zutritt zum geheim gehaltenen Gelände wurde streng kontrolliert, und ohne Ausweis und Akkreditierung war ein Betreten des Geländes zu diesem Zeitpunkt nicht möglich. Die ersten Menschen nutzten den Stau, um die wartenden Autos zu verlassen. Dabei wurden sofort Videos aufgenommen, kleine Ansagen an eine nur imaginär vorhandene Zuschauerschaft gemacht, und meine erste Befürchtung, dass ich von Influencern umringt war, bestätigte sich umgehend. Einen Pierre, den ich in den Tagen zuvor auf vielen Videos mit dem Schlagwort „Last Soul Ultra“ „entdeckt“ hatte und der aus der Schweiz angereist war, konnte ich anhand seiner Videos sofort erkennen. Auch hatte er beim ersten LSU eine starke Leistung aufgestellt, und auch generell hatte er einiges an starken Läufen vorzuweisen – stärker als ich allemal.
Bis ich endlich die Kontrollen passieren konnte, verging eine gute halbe Stunde. Ich gab mich der Situation hin, und ein kleiner Festivalvibe stellte sich ein, wie wenn man früher das W:O:A Gelände ansteuerte. Nach dem Abstellen des Autos traf ich schließlich Norman, mit dem ich in den letzten Jahren sporadisch Kontakt über Strava und Messenger gehabt hatte, ihn aber leibhaftig seit 2023 nicht mehr gesehen hatte. Eine ungezwungene Umarmung gelang uns dann aber problemlos! Wichtig, denn in den kommenden Tagen sollten wir noch deutlich anderen Körperkontakt haben, wenn das Rennen hier auf 48+ Runden gehen sollte, was ich für Norman fest eingeplant hatte.
Kurz zurückgespult.
Wieso war ich in Normans Crew, obwohl wir nur so losen Kontakt hatten? Zufall! Ich hatte ihm einige Tage vorher geschrieben, dass ich ihm für den LSU viel Erfolg wünschen würde, und er fragte mich spontan, ob ich als Crewmember einspringen würde, da zwei seiner Kumpels ausgefallen waren. Wie das Leben halt so spielt. Nach dem „Okay“ meiner Familie war klar, dass ich mich auf ein Abenteuer einlassen würde: Einen fernen Bekannten begleiten und unterstützen, zusammen mit einem anderen Menschen – Marcel Leuze –, den ich nur aus einer vorher abgehaltenen Zoomkonferenz kannte. Bei einem Backyard durchlebt und erlebt man viele Facetten eines Menschen – würde das bei uns passen? Kurz vorweg: Und wie es passte!
Zusammen gingen wir zur Registrierung, meldeten uns an, bekamen Zutrittskarten und einen festen, 3 x 3 Meter großen Zeltplatz am hinteren Rand des Areals. Da Marcel erst um 14:00 Uhr anreisen konnte, stand für mich nun die erste große Aufgabe des Wochenendes bevor: Bau alleine das Zelt auf, lade alles aus Normans Auto und gönn Norman die Ruhe, denn um 14:00 Uhr sollte der erste Start erfolgen. Hatte der Junge „Stuff“ dabei! Wollter er dem örtlichem Edeka-Zentrallager Konkurrenz machen? Geschlagene drei Stunden lief ich zwischen Campground und Auto hin und her, da man mit dem Auto nicht auf das abgeriegelte Gelände fahren durfte. Dass ich die Sackkarre stehen ließ vor der ich noch am Morgen daheim stand, hatte sich nun schon als großer Fehler herausgestellt.
Ich tracke alle sportlichen Aktivitäten auf Strava – nicht, um zu posen, obwohl dieses Event dazu sicher geeignet wäre –, sondern weil es mein persönliches Trainingstagebuch ist, an dem ich auch anderen Nutzern Teilhabe ermögliche. 7 Kilometer in gut drei Stunden waren es, bis ich endlich alles beisammen hatte. Norman verbrachte die Zeit im Schatten auf einer fürstlich bequemen Black-Roll-Liege – sichtlich mit schlechtem Gewissen –, denn er konnte es nur schwer ertragen, dass ich ameisengleich mit vielen anderen Menschen immer hin und her rannte, um die Festung für die kommenden Tage zu rüsten.
Und was die Leute so alles trugen: Kissen, Töpfe, Gasflaschen, Essen, Kisten, Tische, Bananenstauden, sogar einen künstlichen Tannenbaum trug man an mir vorbei. Eine Crew schleppte ein ganzes Holzhaus in mehreren Teilen auf’s Gelände. Es sollte der Platz eines Typen namens Homie Jay sein, der auch als Influencer bekannt ist und vor dessen Haus in den folgenden Stunden viel „Content“ produziert wurde. Jungs spielten Basketball auf einem eigens dafür angeschraubten Korb an dem Haus, waren untereinander scheinbar alle verwandt, denn sie nannten sich ausschließlich „Bro“. Alles ziemlich verrückt.
Leute fielen sich johlend zur Begrüßung in die Arme und mussten die gleiche Begrüßung in identischer Euphorie wiederholen, „weil auf der Cam die falsche View eingestellt“ war (O-Ton, den ich im Vorbeigehen aufschnappte). Gespielte Emotionen für die Views und Klicks.
Apropos Kameras: Selbst im gut sortierten Elektronikgroßhandel hatte ich nie ein solches Maß an Kameras, Drohnen und Stativen gesehen wie hier an diesem Ort. Das Zelt von Pierre, den ich schon beim Betreten sah, hatte einen eigenen Starlink dabei, um auch wirklich den Zugang von der realen in die digitale Welt zu ermöglichen. Der Typ mit dem selbstgebauten Roboterstuhl, die Truppe mit dem Gastrogrill, auf dem meterlange Rippchen gegrillt wurden … Jeden Wahnsinn hier aufzuzählen, würde den Rahmen tatsächlich sprengen. Eine Zapfanlage suchte ich allerdings bei einer späteren Platzbegehung vergeblich. Schade.
Ich will nicht klingen wie ein alter Mann, der auf die Jugend und die Technik und die Sprache und die Klamotten und den ganzen Habitus schimpft, aber Realtalk: Der Ort machte mir genau das klar! Das ist ein Backyard, auf dem das Produkt, der Content, der Output zählt. Die LäuferInnen sind nur die Figuren auf der Bühne, und Zuschauer waren in persona nicht zugelassen, sondern sollten daheim oder sonst wo auf ihren Phones und Endgeräten sehen, was für eine „kranke Scheiße“ dieses Event werden würde. Obviously!
Eine Prediction, wer das Rennen macht? Ganz klar der Typ, der schon bei 99 Laps schon so geruled hat. Ohne Scheiß – nein, Realtalk: Ich war Pilger in einem gottlosen Land. Und dann stand er plötzlich vor mir: Hendrik Boury – ein Läufer. Nein, DER Läufer, der mit 100 unfassbaren Runden den deutschen Rekord im Backyard hält und mich sofort zum Fanboy machte.
„Wäre ein Selfie mit uns okay?“
„Klar, gern!“
„Danke, Hendrik! Du bist der erste Mensch, den ich hier erkenne!“
Und da brach sie dann durch, die Erkenntnis, dass dieser Lauf eben nicht nur ein Event von Influencern ist, sondern auch echte Granaten zu bieten hat, wie Harvey Lewis, Hendrik Boury und einige weitere Leute, die eine ordentliche Liste im DUV-Verzeichnis aufweisen können.
Und dann näherte er sich: der Start zur ersten Runde. Ohne Musik wurde langsam heruntergezählt, und hätte nicht neben mir ein junger Mann die Kontrolle verloren und lauthals „make some Noise!“ geschrien, wären die 169 Seelen wohl ohne großes Bohei auf die erste Runde gegangen. In der Doku zum Rennen wird hinterher sicherlich bedeutungsschwangere Musik hinzugefügt, um den Eindruck zu vermitteln, dass alle richtig Bock auf das Rennen haben! Aber hey: Es hatten alle richtig Bock auf das Rennen und ich auch! Und noch eine Erkenntnis: Es war gut so wie es ist und jeder der hier war, hat dazu beigetragen, dass es ein so besonderes Event wurde.
Nun ging nämlich endlich das los, was ich kenne, was ich kann, was ich liebe: Backyard. Runde um Runde abreißen und die Dinge und sich selbst beisammen haben, ob als Crew, Veranstalter oder Läufer – ich kenne nun alle Ebenen, und alle Ebenen sind liebens- und lohnenswert.
Mit Marcel versorgte ich Norman Runde um Runde mit allem, was er so brauchte, wollte und forderte. Darauf waren wir eingestellt: Liefer das, was dein Athlet fordert. Hilf ihm, den maximalen Erfolg zu erlangen. Stell all deine Bedürfnisse in der Zeit, in der der Athlet im Camp ist, hinten an! Sei da, sei wach, habe keine Scheu, keine Scham und verspüre keinen Ekel. Fütter ihn, wasch ihn, tausche Socken, creme wunde Stellen ein, reinige Füße, Zähneputzen, Parfümieren, Deo, Hirschtalk, Wundcreme, Nadeln für Blasen, Sprüche für’s Gemüt, klare Ansagen an das Zweifeln!
Norman hatte einen klaren Nutrition Plan – ausgearbeitet mit seinem Trainer Michael Ohler. An den hielten wir uns, so gut es ging. Und einen Satz aus dem Zoom-Vorgespräch hatte ich mir von Michael gemerkt: Es kommt der Moment, da müsst ihr nicht mehr den Plan abarbeiten, sondern Lösungen finden, denn es werden Probleme auftreten, ganz scher! Und verdammt ja: Diese Lösungen fanden wir.
WIR, das ist genau der Punkt, der nun kommen muss. Marcel und ich! Wir kannten uns nicht, wir waren Normans spontan zusammengewürfelte Crew, wir waren die Männer, denen dieser Junge das Vertrauen schenkte, dass wir ihn bei diesem Rennen weit bringen würden. Eine Bürde, eine Aufgabe, und diese wurde für uns mehr und mehr zur Mission!
Norman spulte Runde um Runde ab, war immer klar im Kopf, hat nie gemeckert, hat nie wirklich gehadert. Er gab alles auf der Strecke und uns das Gefühl, dass wir wirklich eine gute Crew sind. Bei Runde 30 kam irgendwann der Satz: „Ohne euch hätte ich es bis hier gar nicht geschafft!“ Wow! Offizieller Ritterschlag für Marcel und mich!
Marcel und ich. Wir trafen uns als Fremde und gingen am Ende als Freunde auseinander. Ein Backyard führt Menschen zusammen, lässt sie ohne Filter voreinander und miteinander immer klarer Konturen bekommen. Und zwischen mir und Marcel „matchte“ es sofort. Wir hören nicht die gleiche Musik, haben keine gemeinsamen Bekannten, aber es gab etwas, das uns miteinander verband: eiskaltes Bier!
Immer wieder nahmen wir uns Zeit, setzten uns hin, tranken Bier und sprachen und flaxten über die Dinge, die Welt, die Menschen. Sprüche flogen wie selbstverständlich hin und her. Es wurde nie langweilig, es gab nie betretenes Schweigen, wir waren im Flow; und das übertrug sich auf Norman – glaube ich wenigstens! Wenn er über die Ziellinie kam, nahmen wir ihn in Empfang, zeigten ihm freudig, dass er uns zusammengebracht hatte, dass er möglichst lange durchhalten sollte, damit auch wir weiter Zeit miteinander verbringen konnten. Und diesen Auftrag nahm Norman an.
Von Marcel habe ich gelernt, dass es A-, B- und C-Ziele gibt. Normans C-Ziel war es, seinen eigenen Backyard-Rekord zu schlagen (38 Loops), sein B-Ziel war 48+ Runden und die mögliche Quali für das WM-Team zu schaffen, und nachdem all diese Ziele erreicht waren, konnte es nur noch um das A-Ziel gehen: den Gesamtsieg!
Als sich abzeichnete, dass es länger gehen würde, als Marcel und ich Zeit hatten, denn am Montag mussten wir beide wieder arbeiten, haben wir Kontakt zu Normans engem Freund Heiko aufgenommen – die beiden kennen sich seit 35 Jahren. Das zeichnet Freundschaft auch aus! Heiko kam! Aus Mettmann und erreichte das Camp um 16:00 Uhr, sodass ich mit ihm die Übergabe machen konnte. Normans dritte Nacht war somit durch Heiko gesichert!
Und auch Marcel blieb – bis in den frühen Montagmorgen, fuhr zur Arbeit und kehrte danach sogar zurück, um Norman und Heiko in seinen letzten Stunden weiteres Geleit zu bieten. Dafür kann ich endlos anerkennend klatschen. Was die beiden geleistet haben, nachdem ich in Loop 51 ging, ist kaum zu beschreiben.
Kurz kam in mir am Montagmittag auch noch der Gedanke auf, die zwei Stunden Fahrt erneut anzutreten, um dabei zu sein, wenn Norman gewinnt oder aussteigt. Alles war möglich. Aber auch ich musste eine Entscheidung der Vernunft treffen. Vernunft, die bei Norman in diesem Moment dem puren Siegeswillen gewichen war. Ich hatte gesagt, dass Norman 50 Loops in den Beinen hat und dann auch unbestimmt mehr. 60–70 habe ich insgeheim gehofft. Aber dass Norman dann 80 Runden schaffte und in der 81. aufgeben würde, das hätte ich nicht mal zu hoffen gewagt.
Von daheim und der Arbeit verfolgte ich nahezu ohne Pause den Livestream, und als Norman auf Runde 78 oder 79 in der Heidelandschaft stand, um der Welt da draußen mitzuteilen, dass er nicht mehr anlaufen kann, da rann mir tatsächlich eine Träne über die Wange und ein Schluchzer entfuhr mir. Und was macht Norman? Eine Minute später läuft er weiter, als wäre nichts gewesen – „Du Teufelskerl, was machst du mit uns?“, schrieb ich ihm eine Nachricht.
Doch das Ende war eingeläutet, das spürte man, das strömte durch den Chat der 60.000 Zuschauer, die das Drama miterlebten und mitfieberten! Norman wurde zum Phänomen, sein Insta-Account explodierte. Follower auf Follower folgte dem Ruf der Moderation, Norman zu folgen. Nun war er Bindeglied zwischen Ultralauf und Influencer-Bubble!
Ello und der wilde Amerikaner Mark Dowdle waren zu stark, das sah man, das war offensichtlich zu diesem Zeitpunkt. Die zwei lieferten sich noch eine epische Schlacht in der Nacht mit allen Tricks, die ich so noch nicht beim BU gesehen und erlebt hatte.
Dank der unglaublich professionellen Aufmachung des Events konnte die Welt daran teilhaben, wenn Menschen sich nur noch auf sich selbst reduzieren, wenn alle Filter, alle geskripteten Videos, alle Masken und alle zweimal gedrehten Begrüßungen fielen. Das war pur, was hier geboten wurde, das war „real“.
Und ich? Ich stehe immer noch da und weiß es nicht einzuordnen, was da alles so passiert ist. Wie sollte es da erst den Athleten gehen? Auf einem Backyard erlebt jeder seinen eigenen Film, den man zu Content wie diesem hier verarbeiten kann.
Ich habe mich für meinen Content – einen Text – entschieden, ohne Vorplanung, ohne Struktur und aus meinem Empfinden heraus. Ich wurde an diesem Wochenende auf so vielen Ebenen emotional berührt, dass ich es aufschreiben muss, bevor die Gedanken verblassen und die Erinnerung nur noch mit goldenem Pinsel malt – oder auch mit einem schwarzen.
Wenn ich in Zukunft Videos – nein, Content – sehe, der mit dem LSU verbunden ist, dann werde ich mich freuen. Werde den Creatorn folgen. Mein Vorbehalt ist verflogen, weil ich dabei war, weil ich meine eigene Geschichte erleben durfte.
Danke, Norman, für die Zeit! Danke, Marcel, dass wir uns kennenlernen durften. Danke, Heiko, dass du da warst und so viel auf dich genommen hast.
Danke, dass es dieses Event gibt, welches alle kleinen Backyards in den Schatten stellt – ihnen aber nie das Wasser abgraben wird. Denn Zuschauer an der Strecke, die Landjugend, die Bier verkauft, der Schlachter, der den Würstchenstand versorgt, die Menschen, die einen Kuchen spenden und das Rennen begleiten und unterstützen, die Leute, die zusammenkommen, am Lagerfeuer singen, klönen, knutschen und träumen: Ihr seid das, was einen Backyard lebenswert macht!











